Krenzer"12 Jahre – 12 Schicksale" im Geschichtsunterricht1938  

4) Materialien: 1938 – Thoenes Seite 11 von 32

M11 – Bericht über ein Interview mit Hans Thoenes72, April 1998
 
Einzelne Lehrer, die überzeugte Nationalsozialisten waren, [reagierten] besonders heftig auf sein unangepaßtes Verhalten. Wie seine Eltern, verweigerte auch er den Hitlergruß, die nationalsozialistischen Lieder und die Huldigung der Symbole des „Führerstaates“, wie etwa den Fahneneid, was in der Schule nicht ohne Folgen blieb. „Ich bekam dafür meine Prügel und bei Sportveranstaltungen wurde ich besonders gehetzt und getrieben.“

Von den meisten ehemaligen Freunden wurde er fortan gemieden und durch die Verleumdungen und Aufwiegelungen der Lehrer auch außerhalb des schulischen Alltags in eine nahezu vollständige Isolation getrieben. „Nur ein Schulkamerad, der war leider auch etwas gelähmt, aber wir verstanden uns sehr gut, er wohnte in der Nachbarschaft, der war der einzige, der noch ein bißchen Umgang mit mir hatte. Die anderen Schulkameraden wurden vom Lehrer Kemmerer und auch vom Rektor Ködding angehalten, mich während der Pausen zu meiden.“ ...

Hans Thoenes wurde im Alter von dreizehn Jahren ohne Vorankündigung aus der Schule abgeholt. Der Klassenlehrer von Hans, der ihm im Gegensatz zu den meisten anderen Kollegen sehr zugetan war, holte ihn aus dem Unterricht. „An dem Tag, als sie mich holten, sagte er ‚Hans komm mal, es ist soweit’ – da standen also zwei Gestapobeamte draußen auf dem Flur und mit denen Herr Rektor Ködding. Ich durfte nicht mal mehr meinen Tornister holen, durfte nicht mal mehr meine Sachen ho-len, die mein Schulkamerad meinem Vater nach Hause brachte. Da wusste natürlich auch mein Vater Bescheid, daß man mich aus der Schule verschleppt hatte.“

In den folgenden Jahren bis zum Beginn seiner Lehre blieb Hans Thoenes [im Heim der Diakonie in Neuwied], welches den Behörden für seine Erziehung zu einem „überzeugten Nationalsozialisten“ günstiger erschien, als die eigene Familie. Hier war er das einzige „Bibelforscherkind“ – zwar wurde kein Hitlergruß verlangt und es kam zu keinen körperlichen Misshandlungen, dennoch litt er sehr unter der Situation. „Über Tag, wenn der Schulbetrieb war oder wenn man spielte, dann merkte man das als Kind nicht – warum? Man war verpflegt, warm, man hatte ein Bett – aber abends, wenn die Abend-stunden hereinbrachen und man ging nach oben, dann kam es über einen, daß man anfing über die Dinge nachzudenken, warum man das uns angetan hatte. Das waren immer die Nachtstunden, die schlimmsten Stunden.“

 

72 Hesse/Harder 2001, S.281f.

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