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Volk und Wissen – Ich bin gefragt 7/8

Andreas Fincke, Maria Greifenberg, Peter Grün, Matthias Hahn, Hannes Hüttner, Angela Ingendahl, Jürgen Langefeld, Elke Lehmann, Petra Lenz, Herbert Mamat, Hannelore Möller, Heike Schliewe, Ursula Wilke, hg. von Ursula Wilke
Ich bin gefragt LER 7/8 (bzw. Ethik 7/8), Volk und Wissen Verlag, Berlin 1999.1
 
Typ Lehrbuch Ethik/LER Jahrgangsstufen 7/8  
Thematische Einbettung 6. von 10 Hauptkapiteln:
Kleine Religionsgemeinschaften unterscheiden (LER) bzw.
„Sekten“, Freikirchen, Psychogruppen und okkulte Gruppen voneinander unterscheiden lernen (Ethik) (18 Seiten = 12%)
5 Kapitel:
− Auf der Suche nach dem Sinn
− Wenn Gruppen viel versprechen
− Alles Sekten oder was? Religionsgemeinschaften in Deutschland
− Okkultismus – nur Spielerei?
− Auf Spurensuche
 
Bezeichnungen, Definitionen „Sekten“ (800 Gruppen, davon ca. 50 gefährlich) im Gegensatz zu (seriösen) Freikirchen (5 Gruppen)
Unklar: Zuordnung der kleineren Religionsgemeinschaften (ca. 750), die nicht als gefährlich eingestuft sind, aber auch nicht zu den Freikirchen zählen
 
Gemeinschaften Bild: Transzendentale Meditation, Jehovas Zeugen, Scientology, Children of God, Kirche des Nazareners (keine „Sekte“!), Universelles Leben, Siebenten-Tags-Adventisten, Heilsarmee, Vereinigungskirche
Nennung: Gemeinschaft Jesu Christi der Heiligen der letzten Tage (Mormonen), Johannische Kirche
Darstellung: Jehovas Zeugen (ohne Nennung: 1 Seite, namentlich: 0,5 Seiten), Scientology (1 Seite), Kinder Gottes (1 Seite)
 
Quellen der Gemeinschaften Titelseiten von Scientology-Veröffentlichungen, Abbildung aus „Children of God“-Publikation, Stellungnahme der Zeugen Jehovas zu Bluttransfusionen  
 

Das Lehrbuchkapitel 6 trägt je nach Bundesland einen anderen Titel. Während es in Brandenburg neutral „Kleine Religionsgemeinschaften unterscheiden“ heißt, ist es in der Sachsen-Ausgabe mit „‚Sekten‘, Freikirchen, Psychogruppen und okkulte Gruppen voneinander unterscheiden lernen“ überschrieben. Als Ziele des Kapitels führt das Lehrerhandbuch an, die Schüler sollten „Sinnstiftungsangebote kleiner Religionsgemeinschaften als Orientierungshilfe für ihre eigene Sinnsuche begreifen, zugleich aber auch als ‚Dienstleistungen‘ von Organisationen erkennen, für die alle Regeln fairer Gunstwerbung sowie des Persönlichkeits- und Freiheitsschutzes gelten müssen; Kriterien zur Abgrenzung ‚sektiererischer‘ Gruppen von freikirchlichen und anderen seriösen Religionsgemeinschaften finden; sich mit Möglichkeiten und Grenzen der freien religiösen Betätigung vertraut machen und sich vor unseriösen Angeboten des Sekten- und Psychomarktes zu schützen lernen; eine weltanschaulich aufgeschlossene und tolerante, aber zugleich auch ethisch standhafte Haltung gegenüber kleinen Religionsgemeinschaften und anderen Sinnanbietern entwickeln“.

 

Das Kapitel macht mit einer Doppelseite auf, die einen Computerbildschirm zeigt (im Lehrerband „Internetseite“ genannt), auf dem eine Vielzahl sich überlappender Fenster diverse religiöse Symbole präsentieren. Dies soll die Schüler zu „Assoziationen, Fragestellungen und zur Themensuche“ anregen. Das erste Unterkapitel „Auf der Suche nach dem Sinn“ stellt ein fiktives Fallbeispiel in den Mittelpunkt, an dem deutlich werden soll, „wie ‚Sekten‘-verdächtige Gemeinschaften Menschen in Krisensituationen ansprechen, um ihnen innerhalb ihrer Organisation neuen Lebenssinn zu verheißen“. „Wenn Gruppen viel versprechen“ thematisiert laut Lehrerband „das Problem der Verführung durch ‚Sekten‘, die mit Hilfe überschwenglicher Geborgenheits- und Heilsversprechen sowie manipulativer ‚Psychotricks‘ andere Menschen von sich abhängig zu machen und wirtschaftlich auszubeuten suchen“. Im Unterkapitel „Alles Sekten oder was?“ werden schließlich Sekten den freikirchlichen Gemeinschaften positiv gegenübergestellt.

 

Dieser kurze Überblick macht den Tenor des Kapitels deutlich. Sein Anliegen ist weniger, wie der Titel der LER-Ausgabe vermuten lassen könnte, Minderheitenreligionen kennen- und unterscheiden zu lernen, sondern es geht laut Lehrerband in erster Linie darum, „zwischen seriösen Religionsgemeinschaften und ‚Sekten‘ klar“ zu unterscheiden. Dabei gerät das Lehrbuch in einen begrifflichen Zwiespalt: Einerseits wird „bewußt auf definitive Feststellungen darüber, welche religiöse Gemeinschaft eine ‚Sekte‘ ist und welche nicht“ verzichtet, andererseits werden alle Gemeinschaften jenseits von Groß- und Freikirchen unter dem Oberbegriff „Sekte“ geführt. Der Mitautor Andreas Fincke, Sektenbeauftragter der Evangelischen Kirche, erläutert als „Interview“-Partner von Schülern den zugrunde liegenden Sektenbegriff. Sekten seien ursprünglich Abspaltungen von einer großen Kirche, die aus echter Sorge um den Zustand der jeweiligen Kirche entstanden seien und dann einen „einseitigen und problematischen Weg“ eingeschlagen hätten: „Aus der Erneuerungsbewegung wird eine Sekte, wenn keine Erneuerung stattfindet, sondern die Abspaltung von sich behauptet, den einzigen Weg zur Wahrheit gefunden zu haben.“ Gefährlich werde dies, da einige Sekten z.B. ihre „Mitglieder abhängig“ machten und „mit regelrechter ‚Gehirnwäsche‘“ arbeiteten, was im Lehrerband im übrigen fachwissenschaftlich korrekt verneint wird. In einem zweiten „Interview“ problematisiert Fincke gegenüber den Schülern den Sektenbegriff: „Ich mag das Wort ‚Sekte‘ nicht. Es klingt so, als würden alle kleineren Religionsgemeinschaften ihre Mitglieder ausbeuten oder unterdrücken. Das trifft jedoch nur für einige Gruppen zu. Viele Mitglieder kleineren Religionsgemeinschaften führen hingegen ein glaubwürdiges und hilfsbereites Leben. Sie genießen daher auch außerhalb ihrer Gruppen Ansehen. Hier wird niemand unter Druck gesetzt.“ Auch der Lehrerband ruft zur Behutsamkeit auf, da aufgrund der weltanschaulichen Neutralität des Faches eine pauschale Verurteilung religiöser Gemeinschaften vermieden werden müsse und Schüler, die einer besprochenen Gemeinschaft angehörten, „unter keinen Umständen vor der Klasse bloßgestellt werden“ dürften. Lehrer werden daher aufgefordert, auf Differenzierungen zu drängen, da die „größte Schwierigkeit des Themas“ darin bestehe, „den verschiedenartigen Gruppen gleichermaßen gerecht zu werden. Höchstens ein Zehntel der in Deutschland aktiven Sekten sind massiv konfliktträchtig und gefährlich. 90% der Gruppen sind harmlos oder gar eine kulturelle Bereicherung der Gesellschaft.“2 Es bleibt jedoch unklar, welche Gemeinschaften hier gemeint sein können, wenn der Sektenbegriff zwar zu Recht als „eher diffus“ und wegen der mit ihm verbundenen negativen Assoziationen als „wenig hilfreich“ angesehen wird, er aber dennoch auf alle Gemeinschaften gleichermaßen angewandt wird. Obwohl den übrigen rund 750 Gemeinschaften bescheinigt wird, „nicht ‚gefährlich‘“ zu sein und ein „ein stilles Leben“ zu führen, bleiben sie dennoch „Sekten“ und werden als solche strikt von fünf Freikirchen („Freikirchen sind keine Sekten“) unterschieden: Statt des Versuchs, die geforderte Differenzierung neuer religiöser Bewegungen im Schülerbuch zu gewährleisten, präsentiert das Lehrerhandbuch selbst eine pauschalierende Checkliste mit sechs Merkmalen, die erkennen ließen, „ob eine Gemeinschaft eine ‚Sekte‘ ist oder in Gefahr ist zu ‚versekten‘“. Diese Kriterien dienen anschließend als „negative ‚Kontrastfolie‘“, um den durch „die Quäker positiv exemplifizierte[n] Begriff der Freikirche noch stärker“ zu konturieren. Noch deutlicher wird die Negativattribuierung, wenn angeregt wird, als fächerübergreifendes Projekt die Programme extremistischer Parteien zu untersuchen und nach Gemeinsamkeiten mit Sekten zu suchen.3 Trotz des offenkundigen Bemühens um eine vordergründige Neutralisierung des Sektenbegriffs scheint die Unterscheidung zwischen seriösen Religionsgemeinschaften und fragwürdigen „Sekten“ also darauf hinauszulaufen, daß erstere mit den Freikirchen gleichgesetzt werden, während alle anderen trotz ihrer Harmlosigkeit zumindest als fragwürdig angesehen werden. Auf diese Weise kann das Kapitel sein Ziel, Schüler zu befähigen, „im Hinblick auf ‚Sekten‘ harmlose von gefährlichen Bestrebungen unterscheiden [zu] lernen, indem sie eine differenzierte Betrachtungsweise einüben und ggf. Vorurteile korrigieren“, kaum erfüllen.

 

Die Darstellung religiöser Gemeinschaften ist geprägt von dem Ziel, Schülern „Methoden und Ziele mancher ‚Sekten‘ in ihrer ethischen Bedenklichkeit“ näher zu bringen. Dabei gerät das re-ligiöse Selbstverständnis der Gemeinschaften aus dem Blick und erscheint als Teil von Werbemethoden, die „durch den Konkurrenzdruck der ‚Sinn‘-Anbieter mitunter so raffiniert geworden [sind], daß ihnen gerade Jugendliche und junge Erwachsene mitunter hilflos ausgeliefert sind“. Als Beispiel diene das Unterkapitel „Auf der Suche nach Sinn“. Die Schüler lesen dort die Geschichte eines Jungen, der seine Schwester bei einem tödlichen Verkehrsunfall verloren hat und den nun die Frage nach dem Sinn dieses tragischen Ereignisses umtreibt. Seine Eltern blocken diesbezügliche Gespräche ab. Das Lehrerhandbuch warnt: „Wenn Menschen auf Sinnsuche von ihren Bezugspersonen nicht ernstgenommen werden und ihnen Hilfe verweigert wird, geraten sie schnell unter den Einfluß von ‚Sekten‘“. Natürlich geschieht im Schülerband genau das: „In dieser Stimmung wird Michael von zwei freundlichen Frauen angesprochen“, die aufgrund der von ihnen vertretenen Ansichten unschwer als Zeuginnen Jehovas zu erkennen sind, auch wenn dieser Name nicht genannt wird. „Sie merken rasch, was mit Michael los ist und erzählen von einer paradiesischen Zukunft. Da könne er seine Schwester wieder sehen. Der Tod sei nicht endgültig. Michael ist aufgeregt: Nichts wünscht er sich mehr. Die beiden Frauen überlassen ihm Zeitschriften mit bunten Bildern und laden ihn zu ihrer Versammlung ein.“ Die Möglichkeit, daß die „zwei freundlichen Frauen“ von ihrer Botschaft aufrichtig überzeugt sein könnten und tatsächlich helfen wollen, schiebt das Lehrerhandbuch an die Seite, indem es sie schlicht als „Werberinnen“ kennzeichnet, die lediglich eine geschickte „Überzeugungsstrategie“ anwenden, um Interesse an der betreffenden Organisation zu wecken. „Bei der Besprechung der Strategie ... sollte differenziert vorgegangen werden. ... Statt der religiösen Inhalte selbst sollte bei der Aneignung des Haupttextes durch die Schüler/innen eher die Frage im Vordergrund stehen, wie die Werberinnen Jenseitsvorstellungen für ihre Zwecke benutzen, indem sie offenkundige Projektionen bzw. vorschnelle Hoffnungen wecken, die so konkret von keiner etablierten Religion geschürt werden und zudem in der beschriebenen Situation nicht helfen. ... Zwar geht es in allen großen Religionen um die Bewältigung tragischer Situationen und existentieller Krisen angesichts des Todes nahe stehender Menschen, aber sie versprechen keine schnellen Auswege.“ Die „Werberinnen“ dagegen „verkleiden ihr Versprechen so geschickt, daß es auf (Sinn- oder Heils-)Bedürftige glanzvoll und attraktiv wirkt, obwohl dessen Wahrheitsgehalt jeder direkten Überprüfung entzogen bleibt.“ Dies dürfte aber auf die Glaubensinhalte aller Religionen zutreffen.

 

Die an dieser Stelle bewußt ausgesparte theologische Auseinandersetzung macht sich auch bemerkbar, wenn es später um die Ablehnung von Bluttransfusionen durch Zeugen Jehovas geht. Das Lehrbuch präsentiert eine (fiktive?) Erzählung von Lisa, deren Urlaubsfreundin nach einem Unfall gestorben sei, weil ihre Eltern eine Bluttransfusion verweigert hätten. Kontrastiert wird dies durch eine kurze Stellungnahme der Religionsgemeinschaft zum Thema, in der „Glaubensgründe“ zwar erwähnt, aber nicht näher erläutert werden und ansonsten auf die medizinischen Risiken von Bluttransfusionen verwiesen wird.4 Auf dieser Basis dürfte Schülern eine fundierte Beurteilung der Thematik und ihrer komplexen theologischen, medizinischen und juristischen Dimensionen kaum möglich sein. Dennoch hält sich das Lehrerhandbuch zugute, Zeugen Jehovas, die als einflußreichste kleine Religionsgemeinschaft angesehen werden, „nicht vorschnell als ‚Sekte‘“ einzustufen, sondern „kritisch (und zugleich fair ...)“ zu hinterfragen. Natürlich ist es legitim, die ethische Berechtigung und theologische Stimmigkeit einer Glaubenslehre zum Thema zu machen, doch spricht es kaum für Fairneß, die Behandlung einer Glaubensgemeinschaft auf einen solch umstrittenen Aspekt zu beschränken.5 Dies gilt um so mehr, als im Lehrerband selbst eingeräumt wird, daß „im schulischen Unterricht Fragen wie die herausgehalten werden [müßten], ob die ‚Sekte‘ (im Sinne einer Großreligion) ‚rechtgläubig‘ ist oder eine ‚Irrlehre‘ vertritt“. Entgegen dieser löblichen Absicht maßt sich der Lehrerband selbst ein schwerwiegendes Urteil an, wenn er von der verführenden Wirkung „überzogener Heilsversprechen und anderer unrealistischer Lebens- und Nachtodesverheißungen religiöser und nichtreligiöser ‚Dienstleister‘“ spricht, denen man „auf den Leim“ gehen könne, und „echte, unabhängige Freundschaft und Geborgenheit von den vereinahmenden Zuwendungen sektenähnlicher Gruppierungen“ unterscheidet. Im Lehrbuch wird den Schülern, die den Sektenbeauftragten interviewen, sogar die Frage in den Mund gelegt: „Wie kommt es, daß manche Menschen auf solche ‚Rattenfänger‘ hereinfallen?“

 

Wie bereits erwähnt, versucht das Kapitel, Kirchen und Freikirchen positiv von den „Sekten“ abzuheben. Geprägt von diesem Bemühen liefert das Lehrerhandbuch z.B. Argumentationshilfen zur Frage „Warum ist die katholische Kirche keine ‚Sekte‘?“ Trotz ihres exklusiven Heilsanspruchs, billige die Kirche auch redlich bemühten Menschen außerhalb ihrer Organisation zu, „auf dem ‚richtigen Weg‘ zu sein“. Außerdem betreibe die Kirche „in beachtlichem Umfang Sozialarbeit. Solche ... humanitären Sozialaktivitäten kennen ‚Sekten‘ nicht.“ Entsprechend wird unter Punkt 3 einer Sektencheckliste aufgeführt: „Sie [die Sekte] kennt keinerlei soziales oder diakonisches Engagement.“ Auch das Schülerbuch führt auf: „Im Gegensatz zu den Sekten entfalten die Freikirchen eine umfangreiche soziale Tätigkeit.“ Religiösen Minderheiten soziales Engagement abzusprechen, ist nicht nur falsch, sondern auch ungerecht Gemeinschaften gegenüber, denen das Vereinsrecht diesbezüglich Einschränkungen auferlegt, denen die großen Kirchen als Körperschaften des Öffentlichen Rechts nicht unterliegen. Das Bemühen, kirchliche Organisationen positiv herauszuheben, treibt in Form einer Bildleiste seltsame Blüten. Laut Lehrerband soll sie, „die Werbung kleiner Religionsgemeinschaften“ vorführen. „Der Kontrast mit der nüchternen Kirchenwerbung regt dazu an, über die suggestive Wirkung der Werbekampagnen so mancher kleinreligiöser Organisationen nachzudenken.“ Zu diesem Zweck kombiniert die Bildleiste ein Foto von Scientology-Veröffentlichungen mit einer Abbildung aus einer Publikation der „Children of God“ und einem Straßenschild, das über die Gottesdienstzeiten der „Kirche Jesu Christi der Heiligen der Letzten Tage“ (sic!) informiert. Letztere als „Kirche“ bezeichnete Gemeinschaft wird in einer Reihe anderer Schulbücher als klassische „Sekte“ präsentiert.

 

Im Hinblick auf die im Unterricht zu verwendenden Medien rät der Lehrerband: „Verhindern Sie jene Dramatisierungen, zu denen der Sensationsjournalismus oft verleitet! Insbesondere das Thema ‚Sekten‘ verführt dazu, schauerliche Geschichten aus zweiter oder dritter Hand weiter zu erzählen. Die gibt es, sie sind jedoch häufig nur Teil eines komplizierten Beziehungsgeflechts. ... Bleiben Sie deshalb mit den Schüler(inne)n unterrichtlich in der erfahrenen bzw. verbürgten Realität – orientieren Sie sich in erster Linie an Erlebnisberichten der Schüler/innen, den Originaltexten einer Religionsgemeinschaft, einer Mitgliederzeitschrift u.Ä.“ Dieser ausgezeichnete Rat bleibt jedoch im Schülerband weitgehend unbeachtet. Dort werden zum einen überwiegend unkommentierte Aussteigerberichte präsentiert. Zum anderen orientiert sich das Schülerbuch nur wenig an der Lebenswelt der Schüler, wenn es den in Deutschland im Grunde nicht mehr existenten „Kindern Gottes“ (1 Seite) und der kleinen Gruppe der „Quäker“ (2 Seiten) derart breiten Raum widmet. Immerhin ermuntert auch der Schülerband in einem Arbeitsauftrag dazu, trotz der angeblich drohenden Gefahr den Kontakt mit den kleinen Religionsgemeinschaften nicht zu scheuen: „Entwerft ein Plakat oder einen Beitrag für die Schülerzeitung, mit dem ihr eure Mitschüler vor so genannten ‚Sekten‘ warnen könnt. ... Macht euch selbst ein Bild: Besucht die Kirche oder den Versammlungsraum einer kleineren Religionsgemeinschaft in der Nähe!“ Auch der Lehrerband empfiehlt „bei Interesse für weitergehende Aktivitäten“ u. a.: „Fußgängerzonen aufsuchen, wo häufig Jehovas Zeugen werben und ggf. ein Gespräch wagen.“

 
 

1

Zum Schulbuch ist auch ein Lehrerband mit Kopiervorlagen erschienen: Jörg Bohn u. a., Ich bin gefragt, Lehrerband, Berlin 2001.

2

Die Zahl von etwa 50 solcher konfliktträchtigen Gruppen dürfte bereits zu hoch gegriffen sein.

3

Als Begleitmaterial dazu wird das Buch „Die Welle“ von Morton Rhue empfohlen.

4

Ohne weiteren Zusammenhang werden beide Texte durch das Foto einer älteren Zeugin Jehovas ergänzt, die an einer Hauswand stehend die Zeitschriften der Gemeinschaft anbietet.

5

Auch die nicht zutreffende Unterstellung des Lehrerbands, die Eltern würden das Nicht-Gesunden eines Kindes nach erzwungener Bluttransfusion als „Zeichen Gottes“ werten, ist alles andere als fair. Außer zum Thema Bluttransfusionen bietet der Lehrerband zu den Zeugen Jehovas Zusatzmaterial zum Umgang mit „‚abtrünnigen’ Aussteigern“ an. Hier werden Auszüge aus Publikationen der Gemeinschaft präsentiert, die allerdings durch diverse Auslassungen in ihrer Aussage entstellt werden. Wenn z.B. der „Wachtturm“ vom 1.7.1994, S. 11f. beklagt, daß manche Ehemalige sich mit „Literatur voller Entstellungen, Halbwahrheiten und absoluter Unwahrheiten“ an die Öffentlichkeit wenden, so erweckt der Textauszug den Anschein grundsätzlicher Intoleranz gegenüber andersartiger Meinungen. Dieser Eindruck würde durch eine ausgelassene Passage relativiert: „Wenn einige glauben, daß sie ebenso gute oder bessere Speise an anderen Tischen bekommen können, oder daß sie selbst ebenso oder bessere zubereiten können, – so laßt diese ihren Weg einschlagen.“ Ein weiterer Auszug aus dem „Wachtturm“ vom 1.10.1993, S. 19 scheint zum Haß gegenüber Abtrünnigen aufzurufen. Das Zitat unterschlägt jedoch die den Zeugen Jehovas wohlbekannte relativierende Wendung „im biblischen Sinn des Wortes“. Dazu führt das von Jehovas Zeugen veröffentlichte Bibellexikon „Einsichten über die Heilige Schrift“ (Bd. 1, S. 1065) unter dem Stichwort Haß aus: „Dieser Haß sucht nicht, anderen Schaden zuzufügen, und ist nicht gleichbedeutend mit Bosheit oder Gehässigkeit. Er äußert sich vielmehr durch einen heftigen Abscheu vor dem Bösen, d. h. dadurch, daß man alles Schlechte und diejenigen, die Jehova aufs tiefste hassen, meidet ... Sie hassen nicht den, der ein Unrecht verübt und bereut hat, sondern das Böse, das er begangen hat ...“ Eine weitere Auslassung betrifft Anführungszeichen bei „sie ‘empfinden Ekel’ gegenüber denjenigen, die sich zu Gottes Feinden gemacht haben“, die die Wendung als Zitat (Psalm 139,21f.) kennzeichnet.

 

   

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   "Spiel nicht mit den Schmuddelkindern"
   ist der Titel eines Liedes von Franz Josef Degenhardt (© 1965).

   © 2005 by Michael Krenzer